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Weihnachten

(Frei erfundene Kurzgeschichte)
 

 



Die alte Frau stand am Fenster und sah auf die Straße.

Alles strahlte im festlichen Glanz, die Menschen bewegten sich in einem Meer von Licht und Helligkeit.

Die letzten Geschenke besorgen, noch einen Weihnachtsbaum ergattern und dann nach Hause zurück kehren, wo die Familie auf einen wartete.

Ein bitterer Zug grub sich um ihre Mundwinkel.

Eine Familie? Die hatte sie nicht mehr. Alle ihre Kinder waren verheiratet, außer Haus und brauchten ihre
Hilfe nicht mehr.

Und jetzt war sie allein. Man hatte sie vergessen. Eine alte Frau, die zuhause saß, und für die Weihnachten, wie schon so oft, kein Fest der Freude mehr sein würde.

Nie mehr...

Sie hörte die große Uhr ticken. Immer gleich. Tick-Tack. Nie hörte es auf, ging immer weiter, drehte sich wie ein Kreisel.


Wie schön war es gewesen, als ihr Mann noch lebte, die Kinder noch klein waren, an einem dachten und
immer sagten:

„Frohe Weihnachten, Mutter!“

Sie hatte dann gelächelt, dem „Kleinen“ über das Haar gestrichen und ihm gedankt.


Der „Kleine“ war der beliebteste in der Familie gewesen.

Er war brav und anständig, und seinen Spitznamen behielt er weiter, selbst als er schon zehn Jahre alt war.

Und in diesem Alter starb er. Auf dem Schulweg hatte er den Laster übersehen und der hatte ihn überrollt.

Als die Polizei am Unfallort eintraf, war der Junge bereits tot.

Der Vater wurde daraufhin schwer krank. Ihm konnte keiner mehr helfen, und er folgte seinen Jüngsten bald ins Grab nach.

Dann waren da noch Paul und Anne. Sie zogen schon bald bei ihrer Mutter aus.

„Wir wollen frei leben und entscheiden!“ hatten sie gesagt. Doch die alte Frau wußte es besser.

Sie wollten nicht mehr hierbleiben. Hier, in einem Haus, das erfüllt war von schwarzer und schwerer Erin-
nerung.

Jetzt war sie allein.

Weihnachten...

Wie konnte man sich da noch freuen, wenn einen soviel Leid und Sorge angetan worden war?

„Ich bin schuld“, sagte sie sich. „Ich hätte alles besser machen müssen. Vielleicht hätte man das alles verhindern können. Ja, vielleicht...“

Aber es war zu spät. Das Rad der Zeit. Es ließ sich nicht mehr zurück drehen.

 

Plötzlich schrillte die Glocke. Nervenzerfetzend klang dieses Geräusch durch die Stille und rieß die alte Frau aus ihrer Lethargie.

Mein Gott, da war jemand! Wie lange hatte sie schon keinen Besuch mehr bekommen! Nur, wer mochte das sein?!

So schnell sie eben konnte, schlurfte sie auf die Tür zu.

Sie konnte nach draußen auf den Flur sehen. Doch da war niemand.

Aber im nächsten Moment hörte sie die Stimme:

„Frohe Weihnachten, Mutter!“

Da begann sie zu zittern. Das Herz schlug ihr gegen die Rippen. Mit einem Ruck rieß sie die Tür ganz auf und stolperte regelrecht nach draußen.

Da stand er - Paul! In der Hand einen kleinen Weihnachtsbaum, auf dem noch Schnee lag, der schmolz und
zu Boden tropfte.

Und neben Paul - Inge! Ein kleines Mädchen an der Hand, das sich staunend umsah.


„Was ist denn?“ fragte Paul und lachte. „Willst du uns nicht herein bitten? Schließlich haben wir uns auf den Weg gemacht, um mit Dir zu feiern! Bilde dir nur nicht ein, daß Du uns so schnell wieder abweisen kannst!“

Die alte Frau verstand die Worte gar nicht so richtig.

Tränen traten ihr in die Augen und verschleierten ihren Blick. Sie merkte es gar nicht, wie sie ihren Sohn um den Hals fiel und schluchzte.

Sie war so glücklich! So unbeschreiblich glücklich!

„Paul“, flüsterte sie, und doch wußte sie, wie erregt ihre Stimme klang.

„Warum seid ihr gekommen, Paul?“

„Aber Mutter! Weißt du denn nicht, was heute ist?!“

Da sah sie zu ihm auf, sah, wie er ihr begütigend zulächelte und spürte, wie er ihre Tränen mit seinen Hän-
den behutsam fortwischte.

Und dann sprach er zu ihr. Die Worte, die er schon als kleines Kind gesagt hatte:

„Nicht weinen! Nicht weinen, Mutter!“

Doch sie schüttelte den Kopf, und wieder schimmerte es in ihren Augen feucht.

„Weihnachten“, flüsterte sie nur und mußte unter Tränen lächeln...

 



Quellennachweis der verwendeten Bilder auf dieser Unterseite:
laterne_2.jpg: ©Cisco Ripac / pixelio.de, birken_in_raureif_und_schnee.jpg: ©Rainer Sturm / pixelio.de