Willkommen


Den ganzen Tag herrschte in der Reitschule schon eine fieberhafte Aufregung und

Hektik.

Ein „Neuer“ sollte kommen. Ein neues Pferd. Soviel ich wußte, ein Hengst. Jeder war

gespannt auf das Tier, das gegen Abend ankommen sollte. Auch ich.


„Er heißt Silver“, sagte Ann, ein 11jähriges Mädchen zu mir. „Sein Besitzer hat ihn

einfach vom Hof gejagt, weil ein Hufeisen locker saß! Jetzt wird der Arme sicher

hinken!“

 

Obwohl ich das Pferd nicht kannte, fühlte ich Mitleid für ihn aufsteigen.


Ein loses Hufeisen! Als wenn das einfach ein Grund wäre, ein Pferd abzuschieben!

Der Hengst war Gesprächsthema Nummer eins. Es war schon anständig von Mr.

Thompson, uns allen eine Beschäftigung zu geben! Sonst hätten wir vermutlich bis

zum Sonnenuntergang geklatscht! Und durch die Arbeit verging der Tag doch

schneller.

 

Endlich wurde es Abend. Und der Transporter mit dem Pferd kam.


Die Rampe wurde heruntergelassen. Ein Kreis Neugieriger hatte sich darum versammelt.

Der Fahrer des Wagens kam aus dem Führerhäuschen geklettert. Wild mit beiden Armen

fuchtelnd trieb er die erwartungsvollen Schüler von dem Wagen weg.


„Haut ab!“ rief er dabei. „Ich will nicht, daß der Satan euch eins verpaßt!“

 

Gleich darauf verschwand der Mann im Innern des Transporters.

Ein gedämpftes Wiehern klang auf; heftige Schläge gegen das Holz und dazwischen ein

wütendes Schimpfen und Fluchchen.

Dann erschien der Fahrer wieder. Hinter sich zog er das Pferd an einem Hanfstrick her.

Hufgeklapper gegen das Holz der Rampe. Der Hengst kam nach draußen.

Mich traf fast der Schlag!

 

Es war der Hengst!

Mein Wunschpferd...


Verschmutzt, von Erde braun war sein Fell. Verdreht die Augen, und in ihnen schim-

merte die Angst. Verfilzt und verklebt die Mähne. Dick war das linke Vorderbein an-

geschwollen, aber ich erkannte ihn trotzdem wieder, ihn den Hengst!

Ich stand da, geschockt, und wie vom Donner gerührt.

 

War das kein Traum? Konnte das wirklich sein?


„Verfluchtes Miestvieh!“


Das wütende Brüllen des Fahrers brachte mich wieder in die Realität zurück.

 

Das Pferd weigerte sich doch standhaft, weiterzugehen. Fest hatte es die Hufe auf

das Holz gestemmt.


„Verfluchter Klepper, du verdammtes Monster!“ schrie der Fahrer.


Er war ein bulliger Kerl, zog sogar an dem Strick, der an das Halfter um den Kopf des

Pferdes befestigt war, aber Silver bekam er trotzdem nicht weiter.

Die Reitschülerinnen sahen sich verstohlen an. Um einige Mundwinkel zuckte es ver-

räterisch. Manche mußten sich wirklich krankhaft das Lachen verbeißen.

 

Die Szene war nämlich auch wirklich zu komisch!

 

„Warte, du Biest, dir werd’ ich’s zeigen! Mich hat noch keiner hinter’s Licht geführt!“

 

Der Fahrer war zornrot im Gesicht. Er zischte die Worte und funkelte sein „Biest“

wütend an.

 

„Ich krieg dich schon raus, du Klepper!“

 

Seine rechte Hand umfaßte den Hanfstrick fester. Dann zog der Mann daran und trat

unbeirrt einige Schritte nach vorn.

Der Strick spannte sich. Silver machte den Hals lang. Die Augen traten dem Pferd aus

den Höhlen, es keuchte, schnappte nach Luft. Schweißnaß wurde sein Fell vor Anstren-

gung, als ich der  Hengst verzweifelt gegen den harten Druck im Maul wehrte, stieg

und sich voller Panik drehte.

 

Der Fahrer grinste nur hämisch. Er war auf dem besten Weg, um über dem Hengst zu siegen.

Er zerrte weiter an den Strick, und der war schon so straff, daß ich glaubte, er würde

jeden Moment reißen. Silver japste. Er trat einen Schritt vor und wäre fast aus-

gerutscht. In mir stieg die Wut hoch.

 

War der Fahrer verrückt?! Der Kerl schnürte dem Pferd ja die ganze Luft ab!

 

Stimmen wurden laut. Auch die anderen Reitschülerinnen  wehrten sich gegen dieses

rohe Vorgehen.

 

Worte wie:

 

„Tierquäler“

„Schinder“

„Alter Aufschneider“

 

waren nicht zu überhören. Selbst Mark, der einzige Junge, der am Reitunterricht teil-
nahm,
gab seinen Kommentar ab.

 

„Der spinnt wohl, der Kerl!“

 

Er hatte ziemlich laut gesprochen. Dem Fahrer entging diese Bemerkung nicht. Sein

Gesicht wurde noch dunkler vor Zorn.

 

Auch Mr. Thompson war mit der Behandlung des Pferdes nicht einverstanden. Thom-

pson war erst knapp 30, der Fahrer des Wagens wohl schon über 45 Jahre alt. Und in
den Ohren der
Reitschüler hörte es sich direkt komisch an, als er frostig sagte:

 

„Sie sollten sich mäßigen, mein Herr!“

„Wie ein würdiger Gentleman!“ kicherte Ann, und da lachten alle los.

 

Da platzte dem Fahrer der Kragen.

 

„Ausgelacht hat mich noch niemand!“ brüllte er. Mit eine Ruck warf er den Hanfstrick

zu Boden.

„Bitte, dann holt ihr den Satansgaul!“

 

„Das werden wir auch tun“, erwiderte Mr. Thompson. „Jill!“

 

Ich trat vor. Niemand beachtete mehr den Fahrer, der wütend abzischte und wieder in

den Wagen kletterte.

 

Ich trat zu dem Hengst. Er sah mich furchtsam an und zitterte am ganzen Körper.

 

„Silver“, ich merkte, daß meine Stimme unnatürlich hoch klang. „Silver, guter Junge...“

 

Das Pferd rührte sich nicht. Ich sah aber, wie es versteifte.

 

„Guter Junge, Hengst...“


Ich biß die Zähne zusammen und streckte ihm die Hand entgegen. Silver beäugte mich

mißtrauisch. Ich hütete mich vor einer zu schnellen Bewegung. Trotzdem zuckte

das Pferd zusammen, als ich meine Hand auf seinen feuchten Hals legte.


„Ruhig, Pferdchen, ganz brav...“


Mit der anderen Hand griff ich vorsichtig nach dem Halfter. Silver zuckte kurz, als er

den Druck im Maul spürte. Ich trat einen  Schritt nach vorn, und der Hengst folgte mir.

Ich atmete auf.


„Gutes Pferdchen, so ist’s gut!“


Silver folgte mir weiter. Ich hörte das Klappern seiner Hufe.


„Bring ihm in den Stall, Jill!“ hörte ich Mr. Thompsons rufen.

 

Ich bemerkte nicht, daß er und die Reitschüler mir verwundert nachstarrten.

„Da sieht man es wieder“, flüsterte jemand. „Sie hat wirklich Talent bei den Umgang
mit
Pferden!“

 

Mr. Thompson äußerte sich nicht dazu. Aber er wußte, daß das stimmte. Jill kannte

wirklich die Pferde. Und sie hatte auch die richtige Hand, um mit ihnen umzugehen...

 

Silver zögerte einen Moment und wich zurück, als er den dunklen Stall sah. Wieder

stellte er sich stur und wollte nicht weiter. Und auch durch mein gutes Zusprechen

konnte ich ihn nicht überreden.

 

Doch da kam Hilfe - von irgend einem Pferd!

Ein rauhes Wiehern drang durch das geöffnete Stalltor nach draußen.

Silver spitzte interessiert die Ohren. Seine Augen funkelten lebhaft auf.

 

Meine Chance!

 

„Komm, mein Lieber, komm nur!“ lockte ich und verstärkte den Druck des Halfters ein wenig.

Jetzt folgte mir der Hengst, ohne zu zögern.

 

Puh, was für ein Glück!

 

In der Box ging es nicht so reibungslos zu. Silver wurde wieder mächtig nervös. Er

verdrehte die Augen, warf schnaubend den Kopf hoch, wieherte gellend und schlug

aus. Ich dachte schon entsetzt, er würde alles über den Haufen donnern!

 

„Brav sein, Silver, bist doch ein braver Junge!“ Beruhigend sprach ich auf den Hengst

ein.

Er stellte die Ohren auf und lauschte meinen Worten. Und er wurde auch merklich

gelöster.

 

Erschöpft ließ ich mich auf einen umgestülpten Tränkeimer nieder, sprach ein wenig mit

Silver und dachte nach.

 

Wie hatte Dad gesagt?


Das Pferd kannst du dir selbst aussuchen.

Nun hatte ich es gefunden. Denn er war mein Tier, mein Pferd.

Er war es, er mein Silver!

 

Im Gedanken malte ich mir die Worte aus, die ich zu meinen Eltern sagen würde:

 

„Stellt euch vor, ich habe mein Wunschpferd gefunden. Das herrlichste Tier auf der

Welt, einen Hengst...“


 

 

 

Quellennachweis des verwendeten Bildes auf dieser Unterseite:

untitled.jpg: ©Günter Havlena / pixelio.de