Das richtige Pferd 2


Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg. Jetzt, am Tag, kam mir das ganze wie ein wunderschöner
Traum vor.

War da wirklich ein prachtvoller Hengst auf dem Hügel vor meinem Fenster gestanden?

Ich suchte das Pferd. Keinen Menschen sagte ich etwas davon.

Auch nicht Charlotte, der ich noch auf der Treppe von meinen Zimmer in die Küche begegnete.

 

„Wo willst du denn hin?“ fragte sie erstaunt, als sie die Jeansjacke sah, die ich über den rauhen Winterpullover trug.

 

„Spazieren gehen“ war meine kurze Antwort. Ich lächelte verbindlich. „Willst du mit?“

 

Charlotte schüttelte sich.

 

„In der Hundekälte? Nee, du!“

Ich lachte und ging allein. Mein kleines Schwesterchen hatte ich schon abgeschüttelt!

 

Gut, kam mir auch so keiner mehr in die Quere. Meine Gedanken kehrten wieder zu meiner eigentlichen Aufgabe
zurück.

 

Ob ich den Hengst finden konnte?

 

In diesem Punkt wurde ich allerdings enttäuscht.

 

Aber ich entdeckte die Spuren. Hufabdrücke auf dem Hügel vor meinem Fenster.

 

Ich bückte mich und betrachtete meinen „Fund“ genauer. Und ich wurde überrascht.

Was ich da entdeckte, das war ja auch erstaunlich.

 

Was für ein Pferd das gestern auch gewesen war, es trug Hufeisen!

 

Also war es schon mal keiner in Wildbahn aufgewachsener „Mustang“.

 

Ein Hengst mit Hufeisen, also gehörte er jemanden.

Ob er seinen Besitzer wohl ausgerückt war? Dann würde er ihn bestimmt schnell wieder einfangen.

 

Ein Pferd, von dem ich nicht wußte, woher es kam und wohin es ging. Und ich würde es nie wieder sehen...

 

Ziemlich bedrückt ging ich nach Hause...

In den nächsten Tagen war ich damit beschäftigt, die nähere Umgebung zu erkunden. Und was ich da herausfand – hätte ich nie geglaubt - und auch nicht für möglich gehalten.

 

Etwa 2 Meilen vor dem Moor gab es eine Reitschule. Und natürlich Pferde.

Ich war glücklich, beobachtete die Reitschüler und –lehrer wochenlang und bekam schließlich den ersten Job ange-
boten.

Stall ausmisten, Pferde in den Stall bringen, absatteln und trocken reiben.

Das klang zwar am Anfang nicht so überwältigend, aber was nicht war, konnte ja noch werden. Und schließlich ging auch mein Wunsch in Erfüllung: Ich hatte eine Beschäftigung mit Pferden.

Monate vergingen, und ich arbeitete mich hoch, wie man so schön sagt.

Ich bekam meine ersten Reitstunden, bis ich absolut sicher und top-fit im Sattel saß.

Bald schon durfte ich an den regulären Reitstunden mit teilnehmen, und dann - welch ein Wunder - selbst Reitunter-
richt erteilen.

Den Hengst vergaß ich in den Rummel völlig. Doch mein Vater erinnerte mich wieder an unsere erste ungewöhnliche Begegnung...

 

Meine Eltern hatten schon längst von der Reitschule Bescheid erhalten, daß ich kräftig mithalf, was die so anfallen-
den Arbeiten anging.

Dad lobte mich über den grünen Klee.

 

„Daran sieht man, daß dir die Arbeit Spaß macht, Jill“, sagte er. „Mum und ich haben uns darum etwas überlegt. Und
wir
sind zu dem Entschluß gekommen, dir die Ent
scheidung zu überlassen.“

 

Er betonte das „dir“, und ich sah ihn überrascht an.

 

„Ja. Und? Was meint ihr damit?“

„Du bekommst ein Pferd. - Natürlich nur, wenn du auch wirklich eines willst!“ sagte er schnell.

 

Ich starrte ihn entgeistert an. Dad sprach weiter:

 

„Aussuchen kannst du es dir selbst. Das geht ja klar. Aber wo sollst du es unterbringen? Glaubst du, die von der Reitschule haben etwas dagegen, wenn du es ihnen in Pflege gibst?“

 

„Nein. Das nicht. Aber...“ Ich verstummte. Mit betrübtem Gesicht schaute ich Dad an.

 

„Ich...ich will kein Pferd! Noch nicht jetzt!“

 

Ich sprang auf. Die Erinnerung an den geheimnisvollen Hengst war wieder da. Und auch der Gedanke, daß ich ihn für immer verloren hatte. Ich schluchzte auf und rannte aus den Raum.

 

Mein Vater sah mir überrascht nach.

 

„Was hat sie bloß?“ murmelte er. „Ich wollte ihr doch nur eine Freude machen!“

 

Es wäre eine Freude gewesen. Aber nicht unter diesen Umständen!

Denn wie sollte ich es Dad erklären?

Wie konnte ich es ihm sagen, daß er mein Wunschpferd war?

Er, dieser mysteriöse Hengst, der plötzlich aufgetaucht und wieder verschwunden war, wie ein Spuk...