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Das richtige Pferd

(Frei erfundene Kurzgeschichte) 


 

 

Schon seit Jahren träumte ich davon: Mit Pferden zusammen zu sein. Sie pfle-
gen, mit
ihnen arbeiten und sie kennenzulernen.

Aber es schien so, als würde dieser Traum auch wirklich ein Traum bleiben.

In der Gegend, wo ich aufwuchs, gab es so gut wie keine Pferde. In dem kleinen
eng
lischen Dorf hatte man auch besseres zu tun, als sich noch mit solch einer
Arbeit
herum zu schlagen.

Tiere, ein Zugtier wie ein Pferd eben, waren überflüssig. Der Traktor erledigte
das immer neu anstehende Tagwerk.

Also keine Hoffnung für mich.

 

Aber da war noch Judy Jackson, meine Freundin. Und sie hatte ein Pferd!

Ihre „Curry“ war auch wirklich ein Prachttier! Ich konnte mich an der herrlichen

Araberstute nicht satt sehen!

Nur gab es bei der ganzen Sache einen Haken: Judy lebte sechs Meilen von un-
serem
Ort entfernt. Die Schule war ja schließlich auch nicht ohne, und ich konnte
nur ein bis
zweimal in der Woche zu ihr. Ein paar Jahre ging unsere Freundschaft
gut. Eines Tages
jedoch endete sie so abrupt, wie sie begonnen hatte. Judy zog
fort, nach Deutsch
land. Und Curry nahm sie mit.

Der Gedanke war schrecklich für mich. Nie mehr die schöne, sanftmütige Araber-

stute zu sehen! Das Leben war wirklich ungerecht!

 

„Ich halte es nicht mehr aus!“ sagte ich eines Tages zu meinen Eltern. „Ich will
weg
von hier! Ich will dahin, wo es Pferde gibt!“

Mum hatte nur den Kopf geschüttelt und gelacht.


„Kind, wo denkst du hin?! Glaubst du, wir lassen wegen deiner Hirngespinste
alles  
zurück, was wir für uns aufgebaut haben?!“


„Das ist mir egal“, erwiderte ich bockig. „Ich will ein Pferd!"
 

„Das wirst du auch kriegen“, meldete sich mein Vater zu Wort. „Wenn wir damit 
einver
standen sind!“

 

Ich war wütend darüber, daß man mich einfach abgeschoben und wie ein kleines
Kind
behandelt hatte.

Wieso verstand man mich nicht? Es gab doch viele Leute, die sich etwas wün-
schten.

Ich wollte eben ein Pferd!

Aber mein Traum, der in Erfüllung gehen sollte, ließ auf sich warten. Hatte ich
vor ein
paar Tagen gesprochen, daß ich von hier fort wollte - da hatte ich Glück. 
Wenige
Monate später flatterte ein Zettel ins Haus.


Es sei nö
tig, hieß es da, Dad zu versetzen, damit er seinen Aufgaben- und Ar-
beits
be
reich weiter ausdehnen könnte. Ein neuer Wohnort wäre zu empfehlen.
Für eine unbe
stimmte Zeitdauer. Auf
jeden Fall für 1 bis 2 Jahre.

Auf nach Schottland!

In die wilde Natur, in die Moore, Flüsse und Heiden. Ich war von der Idee gar
nicht begeistert.

 

„Das hat mir gerade noch gefehlt! Und dann kann ich in der einsamen Wildnis
ver
sau
ern!“

„Wieso?“ fragte Dad. „Ich glaubte immer, du interessierst dich für Pferde!“

„In das Gespenstermoor hat sich bestimmt keines verirrt!“ erwiderte ich bissig.

„Hast du eine Ahnung! In den Highlands soll es eine wilde Shetland-Ponyherde
geben!“

 

Wie, Pferde? In dieser Einöde? Da war ich wirklich platt!

Dann kann man auf Schottland ja direkt gespannt sein, dachte ich voller Erwar-
tung. 

Aber als wir dort ankamen, änderte sich meine Meinung gewaltig.

 

Grünes Gras, graue Steine...


Überall verteilt, im ungleichen Verhältnis, sogar auf den Hügeln.

Nichts als Gras...Gras...Gras und Hügel.

Dahinter irgendwo das Moor. Und mittendrin stand unser Haus!


Ich schnaubte vor Entrüstung. Das war ja grauenhaft! Schlimmer als der schrek-
klichste
Horrorfilm! Und keinen Pferdeschwanz sah ich!

„Herrlich!“ rief Charlotte, meine Schwester.

Lachend, und über das ganze Gesicht strahlend, drehte sie sich um sich selbst.

 

„Einfach herrlich ist es hier!“

Wütend funkelte ich Charlotte an. 

„Ja. Besonders die Ponys!“ gab ich meinen Senf dazu.

„Ach was, Pferde!“ rief die. „Sieh’ dir die Hecke an!“

Sie wies auf einen einsamen, trostlosen, schon halb verkrüppelten Strauch.

„Der gibt sicher ein gutes Motiv ab!“

Ich stöhnte. Auch das noch! Charlotte konnte einen mit ihren „Motivfimmel“
schon
auf den Faden treten!

Sie skizzierte und malte so ziemlich alles, was ihr unter die Finger kam.

Ich konnte nichts schönes an ihren Zeichnungen finden. Charlotte hielt sich aber
selbst
für eine zwar noch unentdeckte - aber bereits riesige Künstlerin.

„Du regst mich auf!“ knurrte ich.

Charlotte hörte das wohl. Aber sie lachte nur.

„Die ganze Welt wird noch von mir hören, Schwesterherz!“ sagte sie übermütig.  

„Und du kannst dabei zusehen, wie ich mein selbstverdientes Geld zum Fenster
rauswerfe!“

Ich ärgerte mich schon gar nicht mehr über ihre Protzerei.

Daß meine liebe Charlotte eine kleine Spinnerin war, das wußte ich auch so...

Es war bereits dunkel. Aber ich konnte noch keine Ruhe finden.

Die erste Nacht in unserer neuen Heimat!

Ich sah aus dem Fenster, schaute in den tintenschwarzen Himmel und grübelte.
Was würde die nächste Zeit für mich bringen? Ob es hier wirklich Ponys gab? Bis
jetzt hatte
 ich noch keines gesehen.
 
Langsam kam in mir der Verdacht hoch, daß
Dad mir da nur einen Bären
aufge-
bunden hatte, um mich
 hierher zu locken.

Irgendwie hatte ich Angst vor der Zukunft.  

Das hier alles war mir fremd. Würde ich mich in Schottland zurecht finden kön-
nen?
 

Ich träumte mit offenen Augen, und erst ein dunkles, rauhes Wiehern rieß mich
aus meinen Gedanken.

 

Ein Pferd?!

 

Überrascht drehte ich den Kopf.

Dämmrig war es. Aber ich sah ine große schwarze Shiouelette, die sich von der
übrigen Dunkelheit abhob.

Ein Pferd, aber kein Pony!

 

Da kam der Mond hinter den Wolken hervor. Sein silbrig helles Licht ergoß sich
auf die Erde.

 

Ich hielt den Atem an.

 

Da war ein Pferd. Und was für eines!

 

Grau-silber schimmerte sein Fell. Im guten Kontrast dazu stand die kohlraben-
schwarze,
ungebändigte Mähne und ein ebensolcher Schweif.

 

Das Tier stand stocksteif. Seine dunklen Augen leuchteten.

 

Dann wieherte es noch einmal herausfordernd, warf sich herum und preschte
über die Hügel davon.

 

Ein Hengst! Das konnte nur ein Hengst sein!

 

Und in diesem Augenblick fühlte ich es: 

 

Du wirst ihm noch einmal begegnen! 


Quellennachweis des verwendeten Bildes auf dieser Unterseite:

nebelpferd.jpg: ©isinor / pixelio.de